Das Plakat in der Nacht

Folge 14b  meiner autobiografischen Erzählung  aus dem Jahre 1985

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Etwa gegen 23 Uhr kam ich beim “Griechen” vorbei, wo ich einige Stunden zuvor noch mit Jürgen zu Abend gegessen hatte. Es war noch offen und so hielt ich kurz an, um mir eine Flasche Mineralwasser zu besorgen.
     Als ich wieder aus dem Imbiss herauskam und mich auf dem Weg zu meinem Fahrrad machte, fiel mein Blick zufällig in einen am Straßenrande stehenden Wagen. Ich stutzte für einen Moment und trat dann etwas näher an das Auto heran.
    Tatsächlich! Da lag jemand mit seinem Kopf auf dem Lenkrad. Es schien der Gestalt und den Haaren nach zu urteilen ein junger Mann zu sein. Was war mit ihm los? War er bewusstlos, tot oder schlief er nur?  Für einen Moment war ich unschlüssig, was zu tun sei. Dann aber klopfte ich an das Seitenfenster.
     Nichts geschah! Nun war ich doch etwas beunruhigt. Sollte ich vielleicht Hilfe holen? Ich klopfte etwas energischer an das Fenster. Langsam bewegte sich der Kopf vom Lenkrad weg und kurz darauf blickte ich, wie schon vermutet, in das verschlafene Gesicht eines jungen Mannes. Ich gab ihm ein Handzeichen, dass er das Seitenfenster herunterkurbeln sollte. Was dann auch geschah.
    “Alles in Ordnung?”, fragte ich. Er schaute mich verständnislos an. Und erst jetzt bemerkte ich seine glasigen Augen. „ Du lagst hier mit deinem Kopf auf dem Lenkrad“, redete ich weiter, „da wollte ich sicher gehen, dass alles mit dir okay ist.“ Langsam schien ihm zu dämmern, wo er sich befand und was los war. „Ja, … alles okay“, antwortete er mt schwerer Stimme. „Habe etwas getrunken … war müde.“ Erleichtert entgegnete ich: „Na, dann bin ich ja beruhigt. Schlaf mal ruhig weiter!“ Dann drehte ich mich um und setzte meinen Weg fort.

Ich hatte gerade mein Fahrrad erreicht, als plötzlich hinter mir ein Motor angelassen wurde. Sollte er wirklich so verrückt sein und …!? Ich drehte mich abrupt um und traute meinen Augen nicht! Der Wagen bewegte sich im Schritttempo vorwärts!
      „Verdammter Alkohol“, fluchte ich und gab ihm energische Handzeichen, dass er anhalten sollte.  Er stoppte tatsächlich und schaute mich, als ich erneut an dem Seitenfenster stand, fragend mit glasigen Augen an. „Ja, was… ist denn… noch?“ fragte er.
Ich riss mich zusammen und entgegnete ihm so freundlich wie möglich: „Du kannst doch in deinem Zustand nicht mit dem Auto fahren!“ Er schaute mich verständnislos an:„Und … warum nicht?“
Nun riss mein Geduldsfaden: „Warum nicht? Mann, du bist total betrunken! In deinem Zustand schaffst du es nicht mal bis zur nächsten Kurve!“ Und etwas ruhiger fügte ich hinzu: “Komm, mach keinen Blödsinn! Fahr den Wagen wieder an den Rand!“
    Er starrte mich an: “Okay! … Ich fahre … nicht!“ Ich atmete erleichtert durch: ”Glaube mir, es ist besser so!“ Er nickte und schien kurz nachzudenken. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht: „Aber du … du bist nüchtern. … Du kannst mich fahren!“

Langsam begann die Angelegenheit lästig zu werden. Ich dachte kurz nach. „Nein“, antwortete ich, „das geht nicht! Ich bin nicht in Übung und kenne deinen Wagen nicht!“ Er überlegte einen Moment. „Gut, aber dann … musst du dich zu mir in den Wagen setzen … und dich mit mir unterhalten!“ lallte er mit schwerer Zunge. Dann grinste er: „Ansonsten fahre ich! Deine Entscheidung!
     Ich stand einen Moment unschlüssig neben seinem Wagen und suchte nach einem Ausweg. Dann seufzte ich resignierend. Was blieb mir Anderes übrig als seine „Einladung“ anzunehmen? Langsam ging ich hinüber auf die andere Seite. Ich öffnete die Türe und ließ mich auf dem Beifahrersitz nieder.

Inzwischen war es schon nach Mitternacht und der junge Mann neben mir schlief wieder. Zuvor aber hatte er mir  die Geschichte seines Abends erzählt. Mit Freunden war er bei einem Heimspiel von Fortuna Düsseldorf gewesen und sie hatten reichlich dem Alkohol zugesprochen.
Nach dem Spiel war er dann zu seiner Freundin gefahren, aber es hatte Streit gegeben. Der eskalierte dann so sehr, dass sie ihn vor die Tür gesetzt hatte. Daraufhin hatte er sich wieder in seinen Wagen gesetzt und war Richtung Heimat gefahren. Auf halbem Wege war er dann so müde geworden, dass er an den Straßenrand gefahren und geparkt hatte. Dort hatte er dann geschlafen, bis ich an die Scheibe geklopft hatte.
     „Immer gibt es Streit wegen dem Saufen. Sie kann es nicht ausstehen“, hatte er gesagt. Und traurig hinzugefügt: “Ich habe Angst, dass jetzt für immer Schluss ist!“ Dann war er  über dem Lenkrad zusammengesackt und wieder eingeschlafen.

Schweigend saß ich nun neben ihm und lauschte seinem Atem . Ich wollte sichergehen, dass er auch wirklich schlief. Dann öffnete ich vorsichtig die Türe. Jetzt nur keinen Lärm machen!
      Schon war ich halb ausgestiegen, als auf einmal ein  Blitz den Himmel erleuchtete. Es folgte ein lauter Donnerschlag und im nächsten Moment setzte heftiger Regen ein. „Verdammt!“ entfuhr es mir. „Das darf doch nicht wahr sein!“ Ausgerechnet in dem Moment wo ich mich aus dieser unangenehmen Situation befreien wollte, setzte ein Gewitter ein. Schnell zog ich meine Beine in den Wagen zurück und schloss wieder die Türe.
    Ich war ärgerlich und erschrocken zugleich. Hatte sich denn heute alles gegen mich verschworen? Ging das noch Alles mit rechten Dingen zu? Ein seltsamer Gedanke kam mir in den Sinn: Vielleicht ist das ja alles kein Zufall!?
      Während draußen das Unwetter weiter tobte, saß sich resigniert in meinem Sitz und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Es war in den letzten 12 Stunden so viel geschehen. Die Ankündigung von Jürgens bevorstehendem Tode, mein Bibelkauf, das Gespräch mit dem jungen Mann aus Konstanz …, und nun auch noch diese absurde Geschichte mit diesem betrunkenen Fortunafan.
Steckt hinter all dem vielleicht ein tieferer Sinn? Aber wenn ja, welcher?  Frustriert starrte ich hinaus in den Regen.

Ich hatte jetzt schon eine ganze Weile auf das Ende des Regens gewartet, als mir ein blaues Plakat an einer Litfaßsäule auffiel. Es hing in etwa zwei Meter Entfernung von mir und war das einzige Plakat an der Säule. In der Dunkelheit war auch nur ein einziges Wort deutlich lesbar. Genau in der Mitte stand in großen Buchstaben das Wort Paulus geschrieben.
      Vermutlich hätte ich nicht länger darüber nachgedacht. Aber angesichts der letzten zwölf Stunden begannen sich meine Gedanken erneut in Bewegung zu setzen: Paulus … Die Bekehrung des Saulus zum Paulus.
     Bruchstückhaft begann ich mich an die Geschichte des Apostels Paulus zu erinnern, wie ich sie in meiner Kindheit gelernt hatte.
Saul war ein frommer Jude, ein Pharisäer, gewesen und hatte die ersten Christen verfolgt. Aber auf dem Weg von Jerusalem nach Damaskus war ihm Jesus in einem Licht erschienen und hatte zu ihm gesagt:„Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ Und dann hatte sich Saulus zum Glauben an Jesus bekehrt und war unter dem Namen Paulus ein berühmter christlicher Missionar geworden.    

Seltsam, dachte ich, jetzt sitze ich hier mitten in der Nacht in einem fremden Wagen ausgerechnet vor so einem Plakat! Und das kurz nach einem Gespräch, in dem es um eine Bekehrung zu Jesus gegangen war. Konnte dies ein Zufall sein?
     Mir fiel das Gebet des jungen Mannes aus Konstanz wieder ein: „Jesus, bitte zeige ihm, dass du wirklich der Herr bist und lass ihn dich finden!“ Bestand da vielleicht ein Zusammenhang zwischen diesem Gebet und dem Plakat?

Der junge Mann neben mir begann sich zu bewegen und hob den Kopf vom Lenkrad. Für einen Moment starrte er mich irritiert an. Dann aber schien seine Erinnerung zurückzukommen. „Na,“ sagte ich, „geht`s besser?“ Er lächelte etwas gequält: „Ja, ich fühle mich besser! Habe ich viel Blödsinn erzählt?“ „Nein, nein!“, entgegnete ich, “mach dir keine Sorgen!“ “Gut” , sagte er, “dann wollen wir mal!” und drehte den Zündschlüssel herum.
     „Bist du sicher?“, fragte ich. „Ja”, antwortete er. “Alles in Ordnung. Wo wohnst du? Ich fahr dich nach Hause!”
      Draußen prasselte nach wir vor der Regen auf die Strasse und die Kühlerhaube. Ein Ende war nicht absehbar. „Gut“, sagte ich, „dann lass uns mal losfahren!“ Tatsächlich kam ich wohlbehalten zu Hause an und schlief recht schnell erschöpft ein.

Hier geht es zur nächsten Folge: Ein neuer Schock

Über heinrich58

Im Jahre 1985 habe ich unter dramatischen Umständen im Alter von 27 Jahren zum christlichen Glauben gefunden. Die Geschichte kann man hier nachlesen: http://wendepunkte.jimdo.com/im-banne-des-bösen/
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