Der „Einäuige“ (1988)

DSCI0798

Während meiner achtmonatigen Bibelschulzeit kam es schon gelegentlich vor, dass man sich etwas kaserniert vorkam. Zwar konnte man in den freien Zeiten bis 22 Uhr sich außerhalb des Bibelschulgeländes aufhalten, aber das 6000 -Seelendorf Erzhausen hatte jetzt außer einer gewissen Beschaulichkeit auch nicht gerade viel zu bieten.

So sagte ich denn auch sofort zu , als mich Frank aus der Oberstufe fragte, ob ich Lust hätte an einem kleinen evangelistischen Einsatz im Frankfurter Rotlichtmilieu hätte. „Gut“, sagte er, „ wir treffen uns um 18.30 Uhr bei mir im Zimmer um für den Einsatz vorher zu beten.

In Franks Zimmer waren wir zu viert und beteten schon eine ganze Weile, als mir auf einmal ein Wort in den Sinn kam. Ich sagte zu den Anderen: „Mir ist gerade das Wort Einäugiger in den Sinn gekommen.“

Gebetseindrücke sind in pfingstlerischen Kreisen nicht so ungewöhnlich und werden als Hinweise verstanden. „Vielleicht begegnen wir ja einem Einäugigen“, sagte Klaus, „wir sollten dafür offen sein!“ Kurz darauf beendeten wir unsere Gebetszeit, setzten uns dann ins Franks Auto und fuhren Richtung Frankfurt.

Wir kamen etwa gegen 20 Uhr am Zielort an und Frank gab uns jedem einen Stapel christlicher Traktate. „Am besten wir gehen umher und verteilen die, wenn sich die Gelegenheit bietet!“, meinte er. An sich keine schlechte Idee und eine übliche Vorgehensweise, aber ich merkte recht schnell, dass ich mich unwohl fühlte. Es war kaum jemand zu sehen und ein paar Angesprochene reagierten sehr abweisend.

Sorry“, sagte ich zu den Anderen, „aber ich spüre, dass ich mich irgendwie absondern muss. Auf eigene Faust agieren soll. Den Einäugigen suchen muss“ Frank schaute mich überrascht an, sagte aber dann: „Ist gut! Gegen 22 Uhr treffen wir uns dann wieder am Auto. Sei pünktlich!“

Erleichert verließ ich die anderen Drei und ging geradewegs Richtung Römerplatz los. Den kannte ich noch ganz gut vom Kirchentag, der einige Monate zuvor stattgefunden hatte. Ich verteilte einige Traktate, merkte aber, dass ich weiter musste. Und so lief ich im Blindflug durchs abendliche Frankfurt, mich aber in der Innenstadt haltend. Wo war der „Einäugige“?

Etwa gegen 21.30 Uhr entschied ich, dass ich langsam den Rückweg zum Auto antreten sollte. Aber in welche Richtung musste ich? Irgendwie hatte ich etwas die Orientierung verloren, Ich sah ein Mann um die Ecke biegen und ging auf ihn zu. Und erschrak! Der Mann trug ums linke Auge einen Verband mit schwarzer Augenklappe.

Entschuldigung“, sagte ich, „darf ich sie kurz etwas fragen?“ Der Mann stoppte überrascht und schaute mich fragend an. „Wissen Sie den Weg Richtung Hauptbahnhof?“

Der Mann hatte gerade mit seiner Erklärung geendet. „Was ist mit Ihrem Auge?“, fragte ich ihn. „Ach“, sagte er, „eine OP. Ich bin heute aus dem Krankenhaus entlassen worden. Das wird schon wieder!“ Ich erzählte ihm von meinem Gebetseindruck und dass ich auf der Suche nach einem „Einäugigen“ in Frankfurt unterwegs wäre.

Der Mann machte einen erstaunten Eindruck. „Glauben Sie an Gott?“, fragte ich ihn. „Ja, irgendwie schon! Aber ich bin kein Christ und auch kein Kirchgänger“, lautete seine Antwort. „Ich würde gerne für Sie beten“, sagte ich. „Sind Sie einverstanden damit?“ Er nickte.

Und so kam es, dass ich dort auf denm Bürgersteig für seine Genesung und sein Heil betete unter Handauflegung betete. Danach reichte ich ihm ein Traktat und verabschiedete mich von ihm. „Danke!“, sagte er. Und irgendwie schien es mir, als ob ihn ein göttlicher Lichtstrahl getroffen hätte. Freudig machte ich mich auf den Weg zurück zum vereinbarten Treffpunkt.

Über heinrich58

Im Jahre 1985 habe ich unter dramatischen Umständen im Alter von 27 Jahren zum christlichen Glauben gefunden. Die Geschichte kann man hier nachlesen: http://wendepunkte.jimdo.com/im-banne-des-bösen/
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