Stefan und ein schwieriger Neustart

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Als ich spätabends eine rauchgeschwängerte und lärmige Kneipe in der Bremer Innenstadt betrat, fiel mein prüfender Blick auf einen Mann meines Alters mit schulterlangen dunklen Haaren, der alleine an einem Tisch vor einem Glas Bier saß und vor sich hinstarrte. Ich erkannte ihn sogleich. Es war Stefan, den ich flüchtig vom Schachspielen her kannte. Ich holte mir ebenfalls ein Bier und ging zu seinem Tisch. „Hallo“, sagte ich, „darf ich mich zu dir setzen?“ Er blickte kurz auf und sagte dann: „Klar, habe nichts dagegen!“

Während ich mich also zu ihm setze begann er sich seelenruhig eine Zigarette zu drehen. Als er fertig war, fragte er mich: „Rauchst du?“ Ich verneinte und so steckte er den Tabakbeutel wieder ein, zündete sich seine Zigarette an und starrte wieder vor sich hin.

Nun ist der Bremer an sich nicht gerade als redselig bekannt, aber eine solche Schweigsamkeit war mir noch nicht untergekommen. Ich ließ mich aber nicht entmutigen, schließlich war ich ja ein Mann mit einer Mission. Und so begann ich über unser gemeinsames Hobby, das Schachspielen, zu sprechen. Mit recht mäßigem Erfolg, denn sein Beitrag an unserer Unterhaltung beschränkte sich auf einige recht einsilbige Kommentare. Unter normalen Bedingungen ein Grund sein Bier auszutrinken und weiterzuziehen. Aber ich blieb, denn ich war ein Mann mit einer Mission.

Und so lenkte ich geschickt meine Worte in Richtung christlichen Glauben: „Weißt du eigentlich, dass ich Christ bin?“ Er schaute kurz auf und sagte: „Nein, das wusste ich nicht!“ Dann nahm er wieder die vorherige Grundposition ein, während ich ihm nun von meinen Glauben und meinen Erlebnissen zu erzählen begann.

Der Platz für ein solches Missionsgespräch hätte nicht ungünstiger gewählt sein können, den wir saßen direkt unter zwei großen Boxen und die entströmende Musik bewegte sich größtenteils am Anschlag. Aber dies war für einen Mann mit einer Mission kein Hinderungsgrund, eher eine Herausforderung. Und so erzählte und erzählte ich, während Stefan stoisch vor sich hinstarrte, Bier trank und sich ab und an eine neue Zigarette drehte und gelegentlich einen einsilbigen Kommentar absonderte.

Nach etwa drei Stunden, also schon weit nach Mitternacht, war ich total erschöpft. Mein Kopf dröhnte, meine Augen tränten  und meine Stimme bewegte sich deutlich vernehmnar Richtung Heiserheit. „Du“, sagte ich,“ ich muss hier raus!“ „Ok“, sagte er, “ ich komme mit!“ Wie sich herausstellte wohnten wir gar nicht weit voneinander entfernt und so begleitete er mich noch bis zu meiner Haustüre. „Ja, bis dann mal“, sagte ich zum Abschied. „Ja, bis dann!“ sagte er.

*

Etwa eine Woche später, ich hatte den Abend  schon längst wieder vergessen, hatte ich gerade meine Wohnung verlassen, als ich zu meiner Überraschung Stefan die Strasse entlangkommen sah. „Hallo“, sagte er, „ich wollte gerade zu dir!“ Ich schaute ihn erstaunt an: „Einfach so oder gibt es einen Grund?“ „Es gibt einen Grund“, sagte er, “ ich möchte mich zu Jesus bekehren.“

Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. „Na, dann komm rein!“ lud ich ihn in meine Wohnung ein. An diesem Tag übergab Stefan im Gebet tatsächlich sein Leben an Jesus.

*

Die meisten Menschen, die zum Glauben an Jesus kommen, blühen danach regelrecht auf. Bei Stefan aber war genau das Gegenteil der Fall. Es war als wenn eine Lawine in seinem Innern losgetreten worden wäre. Er sah plötzlich überall Dämonen und geheimnisvolle Zeichen, die ihm verboten zu essen. Binnen vier Wochen war er nur noch Haut und Knochen! Und regelrecht verzweifelt! Oft redete er wirres Zeug!

Ich redete mit Engelszungen auf ihn ein, dass er etwas essen müsse. Das ihm nichts geschehen würde … aber es war nichts zu machen. Die Zeichen verboten es ihm! Ganz offensichtlich war er in eine Art religiöse  Psychose geraten. Und ich war außerstande ihm darauszuhelfen, da er auch keine Ratschläge von mir annahm … sondern nur auf die Zeichen achtete. Schließlich konnte ich das Elend nicht länger mit ansehen. Ich schottete mich von ihm ab und überließ ihn ganz der Gnade Gottes. Nur ER würde ihm noch helfen können.

Einige Wochen später verließ ich Bremen und zog wieder nach Düsseldorf.

*

Ehrlich gesagt war ich nicht wenig überrascht, als ich etwa ein Jahr später einen Brief von Stefan erhielt. Er hatte meine Adresse über einen gemeinsamen Bekannten erfahren und schrieb, dass alles sich bei ihm zum Guten gewendet hätte. Er wäre einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik gewesen … danach sei es langsam aber stetig aufwärts gegangen. Er habe jetzt eine Arbeit, eine Freundin und besuche regelmäßig die Gottesdienste einer freikirchlichen Gemeinde.

Dem Brief war ein Foto beigefügt, dass seine Verwandlung augenscheinlich bestätigte. Darauf war ein Mann mit kurzgeschnittem Haar, einem freundlich strahlenden Gesicht und von schlanker aber kräftiger Gestalt zu sehen. Kein Vergleich zu dem Bild des Jammers aus meiner Erinnerung. „Jesus hat dieses Wunder getan! Danke für alles … Stefan!“ endete der Brief.

Über heinrich58

Im Jahre 1985 habe ich unter dramatischen Umständen im Alter von 27 Jahren zum christlichen Glauben gefunden. Die Geschichte kann man hier nachlesen: http://wendepunkte.jimdo.com/im-banne-des-bösen/
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